"Die Jugend" (Zeichnung von Arpad Schmidhammer, 1857-1921, für die Münchner Zeitschrift "Die Jugend")
"Die Jugend" (Zeichnung von Arpad Schmidhammer, 1857-1921, für die Münchner Zeitschrift "Die Jugend")

Zum Streit um Kafkas Manuskript: 

Kafkas "Der Proceß": Das "Weltdokument" der Shoah 

Kafkas Buch "Der Proceß"

 

geschrieben am 26. Juli 2015, zuletzt bearbeitet am 30. Juli 2015

 

Um 1910 warnte der Soziologe Émile Durkheim in seinem Vortrag „Der Moralunterricht in der Grundschule“, der 1992 von Jacqueline Gautherin veröffentlicht wurde, vor einem neuen dunklen Zeitalter: Es sei möglich, dass an einem oder an einem anderen Tag Frankreich durch Gewalt zerstört werde und ein „neues Mittelalter“ beginne; er hoffe nur darauf, dass dieses neue Mittelalter „kürzer und weniger dunkel“ als das historische Mittelalter sei. Und wirklich kam am 10. Juli 1940 das Ende der Französischen Republik, und in Frankreich begann die von Durkheim vorausgesehene „Zeit der Finsternis“.

 

In den Zwanziger Jahren sahen dann zwei weitere Autoren, auch sie jüdischer Herkunft, eine neue dunkle Zeit heraufziehen: So haben Bettauer und Kafka die kommende Ausgrenzung der Juden in der Nazizeit schon ein Jahrzehnt zuvor vorausgesehen und vorausgesagt.

 

Hugo Bettauer erfindet 1922 die Geschichte, dass die Juden das Wien seiner Zeit, wo es Straßenbahnen, Aufzüge und Leuchtreklamen gibt, auf Regierungsbefehl verlassen müssen. Nach dem Exodus der Juden werden die Wiener Kaffeehäuser zu Stehbierhallen; und die Weltstadt Wien zum öden Provinznest. Bettauer musste diese Voraussage mit dem Leben bezahlen; er starb 1925 in Wien an den Folgen eines politisch motivierten Attentats.

 

Ein anderer Prophet der Shoah ist Franz Kafka. Als in dem Jahr, in dem Bettauer stirbt, Kafkas Buch „Der Proceß“ - von Kafkas Freund Max Brod herausgegeben - erscheint, ist auch Kafka schon tot. Die Geschichte der Hauptfigur Josef K. im „Process“ ist eine Geschichte, die so oder ähnlich unzähligen Opfern der Shoah widerfahren ist. Es ist die Chronik einer Hetze gegen einen Juden; nicht von ungefähr fasst Josefs Freundin Leni die Geschehnisse um Josef mit diesen Worten zusammen: „Sie hetzen Dich.“

 

Worum geht es in Kafkas Buch „Der Proceß“ genau? Eines Morgens wird Josef K. in seiner Wohnung von drei Fremden verhaftet. Die Fremden essen, wie Josef K. vermerkt, „schamlos“ sein Frühstück auf und verlangen von ihm, sofort sein gutes Hemd auszuziehen und stattdessen ein altes zu nehmen: Das neue Hemd komme ja doch nur ins „Depot“, wo es entweder gestohlen oder irgendwann verkauft werde – da könne er das Hemd doch gleich ihnen geben. Josef betont bei der Verhaftung seine Unschuld; das Gesetz, auf das sich die Unbekannten ihm gegenüber berufen, ist ihm fremd. Wie könne er aber von Unschuld reden, hält ihm einer seiner Bewacher vor, wenn er dieses Gesetz nicht kenne. Und der andere ergänzt drohend, Josef werde die Macht dieses Gesetzes schon zu fühlen bekommen.

 

Josef K. fragt sich, was das wohl für Menschen sind, wovon sie überhaupt sprechen, von welcher Behörde sie nur sein können: „K. lebte doch in einem Rechtsstaat, überall herrschte Friede, alle Gesetze bestanden aufrecht, wer wagte ihn in seiner Wohnung zu überfallen.“ In diesen Gedanken wird K. durch ein „kurzes abgehacktes militärisches Schreien“ gestört, durch den Befehl nämlich, zum Anführer des Trupps zu kommen, vor dessen Gewalttätigkeit sich schon seine Untergebenen fürchten. Während dieser Boss, wie Josef sagt, in „stumpfsinnigstem Hochmut“ bequem auf einem Sessel thront, darf sich Josef K. während des folgenden Verhörs nicht setzen – das sei „nicht üblich“. Der Chef will wissen, ob die Verhaftung Josef K. „sehr überrascht habe“ - und Josef K. antwortet, er sei nun 30 Jahre auf der Welt und daher gegen solche Überraschungen „abgehärtet“. Wer ihn denn warum geschickt habe, will K. vom Aufseher wissen. Diese Frage will oder kann der Chef nicht beantworten – er wisse von Josef K.s Angelegenheit „fast nichts“; schon die anderen Eindringlinge hatten K zuvor mitgeteilt, dass sie nichts über K.s Sache wüssten, sondern nur „zehn Stunden täglich“ ihren Dienst machten, für den sie bezahlt würden.

 

K. hatte darauf gehofft, dass seine Vermieterin und Nachbarin, Frau Grubach, ihm in seiner Wohnung zu Hilfe kommt – als sie aber die Fremden sieht, wird sie „verlegen“, entschuldigt sich, verschwindet und macht „äußerst vorsichtig“ wieder die Tür zu. Frau Grubach sagt K. später, dass sie während der Verhaftung „ein wenig hinter der Tür gehorcht habe“; Josef dürfe es einfach „nicht zu schwer nehmen“, denn „was geschieht nicht alles in der Welt“. Wie schon die Fremden ihm nicht die Hand geben wollten, so „vergisst“ auch Frau Grubach bei Josef den Handschlag – und Josef K. sieht damit, wie „wertlos“ Frau Grubachs angebliches Mitgefühl ist.

 

Irgendwann gibt es für Josef K. „keinen Zweifel“ mehr, dass hinter seiner Verhaftung „eine große Organisation“ steckt; eine Organisation, die „vielleicht sogar Henker“ beschäftigt. Der „Sinn dieser großen Organisation“ sei, dass „unschuldige Personen verhaftet“ werden. „Bei dieser Sinnlosigkeit des Ganzen“ komme es zur „schlimmsten Korruption“ der Handelnden: „Darum“, so Josef K., „suchen die Wächter den Verhafteten die Kleider vom Leib zu stehlen, darum brechen Aufseher in fremde Wohnungen ein (…). Die Wächter haben mir von Depots erzählt, in die man das Eigentum der Verhafteten bringt, ich wollte einmal diese Depotsplätze sehen, in denen das mühsam erarbeitete Vermögen der Verhafteten fault soweit es nicht von diebischen Depotbeamten gestohlen ist“. Am Ende wird Josef K. In einen Steinbruch geführt. Da sieht er, wie in der Nähe ein Mensch ein Fenster öffnet und sich herausbeugt. Josef K.s Fragen lauten, und es schwingt noch Hoffnung darin: „Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer der teilnahm? Einer der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe?“ Aber dieser Moment der Hoffnung dauert nicht lang, einen Augenblick später wird Josef K. „wie ein Hund“ ermordet. Über seine Verhaftung hatte Josef K. gesagt: „Was mir geschehen ist, ist ja nur ein einzelner Fall (...), aber es ist das Zeichen eines Verfahrens wie es gegen viele geübt wird. Für diese stehe ich hier ein, nicht für mich.“

 

Mit erschreckender Genauigkeit malt Kafka also, schon ein Jahrzehnt vorher, das Bild der Shoah. Die dem Josef K. unbekannten und unbegreiflichen Gesetze sind die „Nürnberger Gesetze“, die „große Organisation“ mit ihren „Henkern“, die hinter seiner Verhaftung stehen, ist die Verbrecherorganisation SS, und die „unschuldig Verhafteten“ sind an erster Stelle die Juden in Nazideutschland und in den von den Nazis besetzten Ländern. Josef K. wollte die „Depotsplätze sehen, in denen das mühsam erarbeitete Vermögen der Verhafteten fault soweit es nicht von diebischen Depotbeamten gestohlen ist“; einer dieser „Depotsplätze“ wurde in Auschwitz „Kanada“ genannt. Kafka macht deutlich, dass es ihm nicht um einen „einzelnen Fall“, um den Mord an einem einzelnen, gehe, sondern um das „Verfahren wie es gegen viele geübt wird“, also um den drohenden Massenmord. Kafka hat wohl darauf gehofft, dass Menschen – Nachbarn, Freunde, Anwälte, auch die unbeteiligten Zeugen der Verbrechen – „dem Rad in die Speichen fallen“. Dass diese Hoffnung nicht trägt, dass sie nur trügerisch sein kann – das zeigt der traurige Schluss seines Buches. Hat Kafka seinen Freund Max Brod gebeten, das Manuskript zu verbrennen, weil Kafka voraussah, dass er mit seinem Buch die Shoah nicht verhindern werde – und er sein Manuskript in diesem Sinne als nutzlos ansah?

 

Kafkas „Der Proceß“ ist ein Buch der Shoah, und noch mehr, es ist DAS Buch der Shoah. Es sollte daher in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen werden. Als „Weltdokument“ der Shoah gehört das Buch Israel, und nur Israel. „Der Proceß“ ist das Erbe des jüdischen Volkes, das ihm nicht entzogen werden kann. Diese Tatsache hatte sicher auch Max Brod vor Augen, als er bei der Frage nach dem Aufbewahrungsort des Manuskripts in erster Linie an Israel dachte.

 

Marie Josenhans Institut

(Marie Josenhans, 1855-1926, deutsche Sozialarbeiterin und Sozialpolitikerin)

 

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Soonim SHIN

 

Magistra Artium (M. A.)

 

Staatlich anerkannte

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