"Die Jugend" (Zeichnung von Arpad Schmidhammer, 1857-1921, für die Münchner Zeitschrift "Die Jugend")
"Die Jugend" (Zeichnung von Arpad Schmidhammer, 1857-1921, für die Münchner Zeitschrift "Die Jugend")

Vernichtung "jüdischen Geistes" durch die Nazis als wichtige Dimension der Shoah

"Der Holocaust ist nur die eine Seite der Shoah."

Professor Dan Michman in seiner "Simon Wiesenthal Lecture" am 23. Oktober 2014 in Wien

Dan Michman bei seinem Vortrag in Wien.

Den Wiener, mit dem ich zufällig spreche, interessiert das Thema des Vortrags nicht besonders. Er sagt es gerade heraus: "Mit solchen Sachen beschäftige ich mich nicht."

 

Solche Sachen - das sind "Shoah, Churbn, Cataclysm, Judeocide, Holocaust, Genocide (and more)". So lautet jedenfalls das Thema von Dan Michmans Vortrag am Donnerstag, dem 23. Oktober im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv - und der Untertitel: "On Terminology and Interpretation." Es geht also um die Sprache über ein geschichtliches Phänomen, das eben unter den Namen "Holocaust" oder "Shoah" bekannt ist. Nun stehen Fragen der Terminologie nicht unbedingt in dem Ruf, besonders aufregend zu sein. Ist die Frage danach, wie Menschen das abscheulichste Kapitel der Nazizeit benannt haben, nicht eine Art akademisches Glasperlenspiel ? Letztlich ändern diese Forschungen ja nichts an den schrecklichen Fakten, will mir scheinen. Ich bin versucht, meiner desinteressierten Zufallsbekanntschaft Recht zu geben. Interessant aber, dass das Wiener Wiesenthal-Institut zum Vortrag eingeladen hat. Und Simon Wiesenthal - auf einem übergroßen Poster mit Lupe - beobachtet Dan Michman bei seinem Vortrag genau. Wiesenthals Motto war: "Aufklärung ist Abwehr."

 

Dan Michman fängt mit dem Wort "Shoah" an. Dieses hebräische Wort ist ja wohl auch das älteste von allen, es kommt schon im Alten Testament vor. Bei Jesaja 10,3 heißt es: "Was wirst Du tun am Tag der Abrechnung, wenn die ,Shoah´ (das Desaster, die Katastrophe) näherkommt ?" Der Autor dieser Zeile hat also nicht unbedingt beim Wort "Shoah" an Judenmord gedacht, sondern mit "Shoah" einfach das drohende Unheil am "Tag der Abrechnung" beschreiben wollen. Dadurch wird klar, dass der Begriff "Shoah" ursprünglich gar nichts mit "Judenvernichtung" zu tun hatte. Michman dazu: "Wenn E.T. käme, dann könnte er aus dem Begriff an sich nicht ersehen, was wir heute damit meinen." Das Wort "Shoah" wurde also mit neuem Inhalt gefüllt.

 

Wann ? Michman hat für seinen Vortrag genau recherchiert: Vladimir Jabotinsky warnte schon 1930: Wenn es nicht gelingt, die polnischen Juden zu retten, "wird es sehr schlimm, am Ende so schlimm, dass es eine ,Shoah` (Katastrophe) wird." Und der Schriftsteller Chaim Nachman Bialik meinte im Mai 1933, ein Jahr vor seinem Tod: "eine große ,Shoah` ist über das deutsche Judentum gekommen..." Im Mai 1933 war Hitler gerade vier Monate an der Macht. Schon gab es Berufsverbote für jüdische Anwälte und Ärzte, jüdische Beamte wurden entlassen, jüdische Geschäfte boykottiert - und im KZ Dachau waren schon die ersten jüdischen Häftlinge gestorben. Massenmord an Juden gab es jedoch (noch) nicht - mit der 1933 stattgefundenen "Shoah" meinte Bialik also die Entrechtung der Juden, nicht ihren Massenmord. Jabotinsky dagegen befürchtete schon 1930 den Massenmord an den polnischen Juden und nannte ihn "Shoah". Mir scheint, Jabotinsky ist damit der Vater des Wortes "Shoah" im heutigen Sinne.

 

Michman erinnert sich an die Konferenz des Wiener Wiesenthals-Instituts 2012 mit dem Titel "Als der Holocaust noch keinen Namen hatte ..." Michman: "Ich habe mich gefragt, ob das so stimmt ..." Denn schon 1930 hatte der "Holocaust" einen Namen - zwar nicht diesen Namen "Holocaust", aber eben den Namen "Shoah".

 

Damit ist Michman beim Wort "Holocaust" angekommen. Wusste ich, dass es eigentlich ein griechisches Wort ist ? Nicht wirklich. "Holocaust" ist die griechische Übersetzung eines hebräischen Wortes aus dem Alten Testament und meint "Brandopfer". Schon Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es für Brandkatastrophen benutzt: In dem Buch "Holocaust in Minnesota" von 1918 etwa ging es um den großen Waldbrand dort. 1909 und 1922 wurde der Begriff verwendet, um die Massaker an den Armeniern zu beschreiben. Eine jüdische Zeitung in Australien sprach schon 1933 vom stattfindenden Holocaust an den deutschen Juden, womit eben die Entrechtung und auch Übergriffe gegen Juden gemeint waren, aber noch kein Massenmord. Israels Unabhängigkeitserklärung von 1948 verwendet den Begriff "Holocaust" nicht - es ist ja ein griechisches und kein hebräisches Wort !

 

Michman räumt auch mit dem Mythos auf, dass Yad Vashem, die Holocaust-Gedenkstätte in Israel, schon von Anfang an das Wort "Holocaust" benutzt habe: Er zeigt die erste Ausgabe der Zeitschrift "Yad Vashem Studies" von 1957, deren Titel lautet: "On the European Jewish Catastrophe" - also über die Katastrophe der Juden in Europa. Keine Rede von "Holocaust" ! Zwar hätten Übersetzer der Yad-Vashem-Schriften den Begriff benutzt, aber nur vereinzelt. Die Wende sei erst Ende der 50er Jahre gekommen: 1958 schrieb der französische Literatur-Nobelpreisträger Mauriac in der Einleitung zu Elie Wiesels Buch "Die Nacht" vom "Holocaust". Damit etablierte sich der Begriff weltweit. Und die Fernsehserie "Holocaust" mit Meryl Streep von 1978 - Michman auf deutsch: ein "Kitschfilm" - tat ein übriges ... Wie beim Wort "Shoah" gilt auch für den Begriff "Holocaust": Mit der ursprünglichen Bedeutung ("Brandopfer") hat die heutige Verwendung des Begriffs (für den Massenmord an Juden) nichts zu tun. Mit der Zeit habe sich die Bedeutung des Begriffs "Holocaust" noch erweitert: Die Verfolgung der Homosexuellen durch die Nazis wurde als "Homo-Holocaust" bezeichnet, die Ermordung der Sinti als "Sinti-Holocaust", die Versklavung der Afrikaner als "Black Holocaust".

 

Und jetzt überrascht Michman: Der "Holocaust" sei nur eine Seite der "Shoah". Der Mord an den Juden sei noch nicht alles gewesen: Den Nazis sei es auch darum gegangen, den "jüdischen Geist" zu vernichten - und damit meinten sie alles, was ihnen an Werten, Ideen und Kunst nicht gefiel. Besonders die Idee der Gleichheit (vor dem Gesetz, in einer demokratischen Republik) sei den Nazis ein Dorn im Auge gewesen. Und die Nazis betrachteten diese Idee der Gleichheit als "jüdische Erfindung". Die Juden dagegen sahen sich nicht unbedingt als Erfinder dieser angeblich "jüdischen Ideen". Dieter Wisliceny, Komplize von Holocaust-Verbrecher Adolf Eichmann beschrieb 1946 die Nazi-Ideologie so: Gute und böse Kräfte beherrschten die Welt, und die Juden seien die Bösen. Diese Nazi-Idee, so Wisliceny, habe mit Logik oder Vernunft nichts zu tun; sie habe aber bei Millionen Menschen zu einem "Hexenwahn" geführt. So war auch die Vernichtung von Werten, Ideen und Kunst möglich, egal ob sie nun - wie die Nazis behaupteten - "jüdisch" waren oder nicht.

 

Die Vernichtung von Werten - eine - verglichen mit dem Holocaust, dem Massenmord - noch wenig erforschte Seite der Shoah ? Gerne hätte ich darüber mehr gehört. Aber ausgemacht mit dem Wiener Wiesenthal-Institut war ja "maximum one hour", so Michman - eine Redezeit von höchstens einer Stunde.

 

Was werde ich meinem Zufallsbekannten über den Nutzen des Vortrags sagen, wenn ich ihn nochmals treffe ? "Aufklärung ist Abwehr".

 

 

Marie Josenhans Institut

(Marie Josenhans, 1855-1926, deutsche Sozialarbeiterin und Sozialpolitikerin)

 

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Soonim SHIN

 

Magistra Artium (M. A.)

 

Staatlich anerkannte

Diplom-Sozialarbeiterin (FH)

 

 

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